Absinthrausch mit Niki
Bei Niki @ Home – in den Hügeln vor Chiang Mai
Neben mir sitzt ein Schotte den ich vor ein paar Stunden kennengelernt habe – er unternimmt gerade eine Art Zeitreise. In seiner Hand hält er die erste Ausgabe der Zeitschrift “Wiener”, und blättert darin so behutsam, als würde er eine kostbare Gutenberg Bibel in den Händen halten. Ein gewisser Artikel erlangt seine besondere Aufmerksamkeit, vor allem das Photo das darin zu sehen ist. Es zeigt eine attraktive, elegant gekleidete Frau Anfang vierzig, sie sitzt auf einem Stuhl und lächelt selbstbewusst in die Kamera. Hinter ihr, mit den Händen auf die Stuhlllehnen gestützt, steht ein junger Mann mit einem sympatischen, breiten Lachen im Gesicht. Ich kenne das Bild im Gegensatz zu meinem Sitznachbar schon sehr gut, da es die letzten 20 Jahre in jeder Küche meiner Mutter hing (und derer gab es etliche), da sie die Frau ist, die auf dem Bild zu sehen ist. Der Artikel trägt den Namen “Das teuerste Lokal Wiens” und handelt vom Restaurant Mattes, welches meine Eltern im Jahre 1979 eröffneten. Benannt nach dem Nachnahmen meiner Großmutter, war es vermutlich das erste Lokal das die “Nouvelle Cuisine” nach Wien brachte. Der Geschäftsführer war jener Mann der auf dem Photo hinter meiner Mutter steht, Niki Prachensky. Bei ihm zu Hause sitze ich gerade, und der Mann der neben mir gerade die Erstausgabe bewundert, wohnt ein paar Häuser weiter. Der Ort an dem wir uns befinden, ist etwa 13.000 Meilen von Wien entfernt, Niki ist nämlich nach Thailand gezogen, nahe ans nördliche Golden Triangle, wo sich Burma, Laos und Vietnam “Guten Tag” sagen.
Menschen die zur Mythenbildung neigen, würden sagen das er bereits einen gewissen Kultstatus erlangt hat, was in Thailand lebende österreicher anbelangt. Anfang der Achtziger sagte er Wien Adieu, packte seine Koffer und zog nach Chiang Mai, um selbigen Sawasdee Kap zu sagen. Hier betreibt er nun eine Firma die thailändische Lebensmittel vertreibt, insbesonder e Tee. In den letzten Jahren kamen auch Einrichtungsgegenstände dazu. Ich habe Niki das letzte mal vor über 20 Jahren gesehen (damals war ich neun Jahre alt), aber als ich in einem Lokal im Stadtzentrum Chiang Mais ankomme wo wir uns verabredet haben, erkennt er mich schon von weitem. Er stellt mir seine Frau Sherry und seinen Nachbarn vor, und es wird eine Flasche Wein bestellt, in Thailand eher ein Luxusartikel. Das Essen ist ein Mischmasch aus europäischer und asiatischer Küche, sehr billig und ausgezeichnet. Kleine Mädchen kommen vorbei und bieten aus Bambus und anderen Pflanzen gefertigte, überdimensionierte Heuschrecken an. Wir kaufen ihnen welche ab, ich streichle eine von ihnen am Kopf weil sie mir erstens sehr leid tut, und sie ausserdem sehr süss ist. Was hat dieses arme Ding, das noch nicht einmal im schulfähigen Alter ist, so spät auf der Strasse verloren? Ich frage Niki ob man diese Form der Kinderarbeit nicht boykottieren soll, und er meint nur: “Glaube mir, es ist besser wenn sie etwas verdienen, auf die Straße müssen sie so oder so”. Er weiss sicher wovon er redet, immerhin unterstüzt er ein örtliches Waisenhaus.
Von Zeit zu Zeit fahren im Laufe des Abendessens sehr laute Fahrzeuge vorbei, die uns zwingen Gesprächspausen einzulegen. Ich frage ob es war ist, das die Thais so etwas wie Lärmbelästigung nicht kennen. Nein, nicht unbedingt, aber es dauert nun mal länger bis ihnen der Kragen platzt. Und was machen sie wenn das mal passiert, frage ich. Niki grinst mich an uns sagt nur: “RPG” (Rocket Propelled Grenade, eine Waffe die zu trauriger Berühmtheit kam, als die Somalis damit 1994 zwei Blackhawks vom Himmel holten.) Die Aussage war jedoch nicht ernst gemeint. Ich erzähle Niki das ich eventuell nach Burma fahren will, um das Shan Plateau zu erkunden, aber er meint das ich das vergessen könne, die burmesiche Regierung ist zwar mittlerweile nicht abegeneigt ausländische Devisen ins Land zu holen, aber das heißt noch lange nicht das man überall hinfahren kann. Ausserdem wüsste er nicht, inwiefern das Volk der Wah (ein Stamm der in den Bergen im Nordosten Burmas lebt) noch immer ihrem alten Hobby nachginge. Das jagen, austopfen und konservieren vom menschlichen Köpfen, obwohl das vermutlich nicht mehr praktiziert wird. Trotzdem schlage ich mir die Idee aus dem Kopf, damit ich selbigen auch sicher behalte. Anschließend ladet uns Niki noch in sein Haus ein, es steht am Fusse eines Berges ausserhalb der Stadt. Als wir aussteigen ist mir zum ersten mal seit ich in Thailand bin kalt, ohne das eine überfleissige Klimaanlage daran schuld wäre. Am Abend kann es in dern nördlichen Regionen Thailands durchaus mal recht frostig werden. Nikis Haus sieht aus wie ein Bericht aus “Schöner wohnen”. Es ist hauptsächlich aus Holz gefertigt, und asiatisch beeinflußt. Sogar ein buddistischer Schrein ist vorhanden. Wir setzen uns, plaudern und trinken weiter, und sind nun an dem Punkt angelangt bei dem meine Geschichte begonnen hat. Niki holt die Erstausgabe des “Wiener”s hervor, und als sein Nachbar das Photo sieht, will er sofort eine Kopie haben um sie zu Hause aufzuhängen, so gut gefällt ihm das Photo. Niki verspricht das Bild einzuscannen und zu drucken, und holt aus einem Schrank eine sonderbar geformte Flasche heraus. Es ist Absinth, aus der Schweiz. Echter Absinth, wie er beiläufig erwähnt. Der wird nur zu feierlichen Anlässen geöffnet, da ihn ein Freund aus der Schhweiz mitgeracht hat, und man recht schwer an diesen edlen Tropfen rankommt. Die Flasche sieht aus als stamme sie aus dem vorletzten Jahrhundert, und erinnert eher an Medizin, als an ein alkoholisches Getränk. Vermutlich hat die erste Flasche Coca Cola, als es auch noch eine Medizin war (bevor es für ein paar Dollar an einen Typen verkauft wurde der es mit Kohlesäure verstzte und als Erfrischnungsgetränk verkaufte), ähnlich ausgesehen. Ich habe meines Wissens noch nie echten Absinth getrunken, der Fusel der einem in den Bars in Wien als echt verkauft wird, hat bei mir noch keine andere Wirkung als normaler Alkohol gezeigt. Nikis Schweizer scheint jedoch tatsächlich noch ein altes Rezept zu besitzen, denn schon nach ein paar Gläsern bin ich etwas mehr als nur betrunken. Als ich das Etikett der Flasche nochmal anschaue, sehe ich plötzlich anstatt den beiden Frauen die das Etikett vorher zierten, eine seltsames Gesicht, bis ich auf den zweiten Blick wieder die beiden Frauen zum Vorschein kommen. Plötzlich fühlt sich meine Nase etwas seltsam an, ich greife sie an und frage mich ob ich heute noch das Verlangen danach bekommen werde, sie mir abzuschneiden. Aber wer weiß, vielleicht ist es ja gut für die Karriere, bei Vincent Van Gogh hats ja auch geklappt – auch wenn nicht zu seinen Lebzeiten. Ich beschliesse keinen Absinth mehr zu trinken, trotzdem hatte der Kater am nächsten Tag einen ganz eigenen Charakter…
More to follow tomorrow, wenn es heisst: Storys from Burma No”1 Philipp PS: Bald seid ihr meine Mailbombardements los, am 2 Maerz fliege ich wieder zurueck… :)
Thais an den Kopf fassen – warum hast du ihr nicht ins Gesicht gespuckt ?
— nö Aug 26, 15:54 #