At the Shooting Range

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Also jetzt wo ich mich an die Stadt gewöhnt habe, muss ich sagen das mir Phnom Penh außerordentlich gut gefällt. Viele die schon hier waren werden sicher widersprechen, denn schön ist die Stadt eigentlich nicht. Der Blick auf den Mekong River von einem an der Uferpromenade eher teuren Restaurants (Hauptspeisen kosten hier bis über 5 $, das ist hier nicht wenig Geld) ist nicht berauschend, eher langweilig und vor allem ist der Mekong eine braune Suppe in der sich ein Europäer vermutlich ein Sammelsurium an Krankheiten holen würde. Aber wie so oft macht es die Summe aller Dinge aus was man von einer Stadt hält, und hier stimmt einfach die Mischung. In meinem Fall scheint es aber eher so zu sein das mir eine Gegend umso besser gefällt, je mehr Anarchie herrscht. Und die ist in Kambodscha eindeutig vorhanden…

Ich habe letztes Jahr ein Buch von einem Amerikaner gelesen, der Ende der Neunziger hier gelebt hat. Das Buch ist hier ein Besteller (man sieht in Asien immer die selben Bücher auf den Märkten und Flughäfen, wenn meine Muttersprache englisch wäre, würde hier vielleicht auch mal eines von mir verkauft werden – es ist erstaunlich für was für Schrott teilweise Verleger gefunden werden), aber eigentlich ist das Buch eine einzige „ich bin ja so ein Draufgänger“ Selbstbeweihräucherung. Ich bin mittlerweile etwas vorsichtig wenn ich hier Bücher von US Autoren sehe, zu oft sind es Typen die zu viele Vietnam Filme gesehen haben und jetzt nach Asien kommen, um auf Colonel Kuntz (gespielt von Marlon Brando in Apokalypse Now) Spuren nach Abenteuer suchen. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, ich bin ja auch hier weil man praktisch ohne viel tun zu müssen viel mehr erleben kann als in Europa. Aber wenn sich diese Leute unbedingt als die letzten Abenteurer dieser Erde darstellen wollen, dann sollen sie meiner Meinung nach in einer ländlichen Region in Kambodscha zum Zahnarzt gehen, dann haben sie meinen vollen Respekt! Magellan und Columbus sind schon lange tot, das Abenteuer findet man heutzutage eher wenn man sich mit den Menschen beschäftigt, aber nicht automatisch wenn man jeden Tag 500 Kilometer auf einer von Schlaglöchern verseuchten Strasse herumfährt.

Der Verfasser des erwähnten Buches wurde nicht müde zu erklären was für ein gewissenhafter Journalist er nicht sei, und bezog dann tatsächlich auch Themen wie Prostitution und Drogenkonsum in seine Recherchen ein, natürlich nicht ohne selber aktiv auf diesen Feldern tätig zu sein. Auch wenn ich das Buch nicht besonders gut fand, hat es trotzdem mein Interesse für Phnom Penh geweckt, vor allem die „Wildwestaspekte“ der Stadt. So hatten laut seinen Schilderungen damals die meisten männlichen Einwohner eine Handfeuerwaffe dabei, und hatten alle möglichen Ausreden diese zu verwenden. Sie schossen zum Beispiel in die Luft wenn ein Unwetter aufzog, unter dem Vorwand es vertreiben zu wollen, vor allem aber schossen sie in die Luft wenn sie betrunken waren. Die vom Himmel fallenden Projektile töteten etliche Leute jährlich – what goes up, must come down!

Durch diese Schilderungen von totaler Anarchie angetrieben, fragte ich meinen TukTuk Fahrer ob man noch immer problemlos alle erdenklichen Waffen bekommen könne, und er meinte das manche Ausländer sich nicht nur die Waffen kaufen, sondern auch gleich die lebendigen Ziele dazu. Auf die Frage was er damit meint, sagte er „…maybe Chicken, maybe Cow – or other animals that are available.“ Dann fragte ich nach, ob er das ok findet, und die Antwort war so skurril, das ich lachen musste, obwohl ich das ganze ziemlich ekelhaft fand: „In Terms of Religion I say its bad. In Terms of Fun I say its good!“

Bevor ich weitererzähle, sollte ich vielleicht meine Meinung zu Waffen erläutern. So genannte „Gunnuts“ wie es sie in Amerika gibt finde ich ziemlich lächerlich aber gefährlich zugleich, und ich finde es vorteilhaft, das wir ein recht strenges Gesetz in Österreich haben. Das ein australischer Bauer ein Schrotgewehr in der Küche hängen hat macht Sinn wenn seine Schäferhunde von Dingos belästigt werden, aber wozu braucht ein texanischer Rinderzüchter noch immer eine Waffe? Nein, Gewehre und Pistolen haben im zivilen Gebrauch nur am Schießstand etwas verloren. Das in den USA jährlich über 10.000 Menschen durch Schusswaffen ums Leben kommen sagt eigentlich schon alles über liberale Waffengesetze aus, wobei man erwähnen sollte das es in anderen Ländern mit ähnlich liberalen Gesetzen trotzdem ohne tausende Tote funktioniert. Ich persönlich interessiere mich begrenzt für Waffen, das ist vielleicht auch ein Nebenprodukt meines allgemein vorhandenen Interesses für Krieg im historischen Sinne, vielleicht steckt aber in den meisten Männern noch immer ein latentes Interesse für Jagdinstrumente, ein in den Genen noch vorhandenes Überbleibsel aus einer Zeit als wir noch jagen mussten um zu überleben. Eine weitere von unzähligen Höhlenmenschentheorien. Ich war schon des Öfteren am Schießstand, das letzte mal haben wir ein Scharfschützengewehr mit Zielfernrohr verwendet, das war recht spannend, aber nach der zehnten Kugel verlor ich dann doch das Interesse. Warum mache ich hier meinen Standpunkt so ausdrücklich klar? Tja, bei dem folgenden Text könnte es hilfreich sein den Lesern vorher zu vermitteln das ich eigentlich kein Waffennarr bin!

Ich bestellte meinen Fahrer für neun Uhr früh damit wir rechtzeitig am Schießstand ankommen. Danach stehen die Killing Fields auf dem Programm – eine recht makabre Tagesplanung. Wir fahren für gut eine Stunde mit dem TukTuk aus Phnom Penh heraus, vorher kauft mein Fahrer mir unaufgefordert einen Mundschutz. Später erfahre ich wieso, die Luft ist – pur eingeatmet – relativ toxisch! Wir fahren an kleinen Fabriken vorbei, viele Lastwägen wirbeln Tonnen von Staub auf und teilweise erkennt man kaum noch, ob einem auf der Strasse etwas entgegenkommt. Nicht gut bei dem hiesigen Verkehr, der – solange nix passiert – den Eindruck erweckt als würde er von einer höheren Macht gelenkt sein. Nach etwa einer halben Stunde durch Staub, Dreck und umherirrende Kühe kommen wir an der „Shooting Range“ an. Ein verwegener Bursche – hat sicher mal an der Seite der Khmer Rouge gekämpft – macht das Tor auf und bittet mich herein. An seinem Hals hat er eine schwere Narbe die weit bis unter sein Trägerleiberl reicht, später fällt mir noch ein Einschussloch an seiner Schulter auf. Da er vorne keine Wunden hat, kann man davon ausgehen das er noch immer das Projektil in sich trägt, angesichts der fatalen medizinischen Situation bei den roten Khmer war es auch sicher besser die Kugel einfach drin zu lassen. Der Kerl ist mir sofort unsympathisch. Ich habe meinem Fahrer zwar gesagt ich will nichts mit Leuten zu tun haben die Kühe als Zielscheibe anbieten, aber diese Jungs scheinen auch nicht so ganz die Netten zu sein. Da ich sehr durstig bin frage ich nach Getränken. Auf der Speisekarte findet sich in etwa folgendes:

Coca Cola $ 1

Sprite $ 1

Fanta $ 1

AK-47 50 Rounds $ 30

UZI 30 Rounds $ 25

Tommygun 50 Rounds $ 30

M16 50 Rounds $ 35

Antiaircraft Machinegun 50 Rounds $ 65

Desert Eagle 50 Rounds $ 30

M 60 50 Rounds $ 65

Handgrenade 1 Grenade $ 35

RPG 1 Grenade $ 200

Dazwischen waren noch einmal doppelt so viele Waffen verschiedenster Länder, vor allem amerikanische und russische Fabrikate (vereinzelt auch deutscher und französischer Herkunft). Das man dort tatsächlich auch angeboten bekommt eine Panzerfaust abzufeuern (RPG) kam mir dann schon etwas extrem vor. Auch extrem waren die Preise, nämlich extrem hoch! Zuerst wollte ich unverrichteter Dinge gehen, als mir dann aber Instrumente wie M 60 oder Antiaircraft Machinegun gezeigt wurden, siegte die Unvernunft und die Neugierde. Nach reichlichem Studium des Waffenarsenals viel meine Wahl auf eine M60 (amerikanisches Maschinengewehr, muss im liegen abgefeuert werden). Über die Verwendung selber gibt es nicht viel zu erzählen, eine brachiale Kriegsmaschine mit erstaunlich hoher Genauigkeit, selbst ein Schimpanse könnte damit „Erfolge“ verzeichnen. Erbaut um Menschen zu töten. Und ich zahle auch noch Geld dafür. Andererseits, ich war ja noch nie ein Hüter der Moral…

Man will mir unbedingt noch eine Handgranate andrehen, nachdem ich ausdrücklich klargemacht habe, das mir eine Panzerfaust zu teuer ist. Selbst das Argument ich könne die leere RPG auch als Souvenir behalten, konnte mich nicht überzeugen. Allerdings hätte ich allzu gerne das Gesicht vom österreichischen Zöllner gesehen wenn er das Ding gefunden hätte. Obwohl ich die Preise reduzieren konnte, gehört dieser fragwürdige Spaß noch immer zu den teuersten Dingen die ich mir bisher in Asien geleistet habe. Ich frage wohin die Handgranate den überhaupt geworfen werden soll, und man zeigt auf einen idyllischen Teich mit mehreren süßen Entenfamilien. Was aus den Enten wird, frage ich. „Oh, dont worry! They usually fly away as soon as you throw Grenade!“. Usually. Und wenn nicht, steht vermutlich „zerfetzte Ente“ auf der Speisekarte. Mit der Aussage war das Thema Shooting Range auch beendet, und ich ließ die Kriegsveteranen wieder unter sich…

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