Das Vermächtnis der roten Khmer

Grüße aus Phnom Penh – Koordinaten: 11.55° N, 104.91667° O11.55° N, 104.91667° O

Kambodscha ist eine von vielen Kriegen gezeichneten Region, alleine während des Vietnamkrieges haben die Amerikaner – um Versorgungswege abzuschneiden – über Kambodscha mehr Bomben abgeworfen als im gesamten zweiten Weltkrieg, oder – da der Aspekt des Geldes bei Kriegshandlungen auch eine gewisse Rolle spielt – Bomben im Gesamtwert von 7 Milliarden Dollar. Die Roten Khmer, die unter anderem deshalb bei der Landbevölkerung Zulauf fanden, haben nach dem Rückzug der Amerikaner unter Pol Pot jedoch viel mehr Schaden angerichtet. Die Menschen wurden aus den Städten getrieben um auf den Reisfeldern die völlig absurde Idee eines reinen Agrarkommunismus zu verwirklichen. Während die Millionenstadt Phnom Penh zur Geisterstadt wurde, tötete man vor ihren Toren Regimegegner auf den Killing Fields. Um Munition zu sparen wandte man alle erdenklichen Methoden der Ermordung an, so warf man zum Beispiel auf dem Rücken gefesselten Menschen einfach in den Fluss, manchmal zog man ihnen vorher einen Plastiksack über den Kopf, oder verfütterte sie bei lebendigem Leibe gefesselt an Krokodile. Kaum jemand blieb verschont. Vor allem Menschen die Fremdsprachen beherrschten (insbesondere die Sprache der ehemaligen Kolonisten – französisch), Ärzte, Lehrer, Intellektuelle – zu solchen gehörten in den Augen der Khmer Rouge auch Brillenträger – wurden zwischen 1975 und 1979 verfolgt und „ausgerottet“.

Pol Pot – der Anführer der Revolution, auch Bruder Nummer eins genannt – traf selbst für einen Kommunisten sehr fragwürdige Entscheidungen. So ließ er sofort nach der Machtübernahme die Nationalbank in die Luft sprengen, Bibliotheken zu Schweineställen umfunktionieren und vor allem ließ er das Geld abschaffen. Selbst Familien als solche wurden abgeschafft, Familienmitglieder wurden voneinander getrennt, sogar nach der Geburt. Die Vernichtung von Wissen führte natürlich zum völligen Zusammenbruch der Industrie, Kambodscha war zu Beginn der achtziger Jahre wieder beim absoluten Nullpunkt angelangt, steinzeitliche Bedingungen und Unterernährung führten zum Tod von Millionen. Von da an dauerte es fast 15 Jahre bis die Kriegshandlungen der mittlerweile von den Vietnamesen vertriebenen roten Khmer, die sich in die Wälder zurückzogen um von dort Angriffe auf die Stadtbevölkerung zu leiten, endeten. In den Neunzigern herrschten teilweise noch immer Unruhen und Bürgerkrieg. Die Truppen der Vereinten Nationen brachten die Stadt zwar wieder heraus aus ihrem steinzeitlichen Dasein, aber Kambodscha kann sich bis heute nicht aus eigener Kraft wieder aufrappeln. Seit Beginn des Jahrtausends erholt sich Kambodscha – welches zu Kolonialzeiten noch als die „Schweiz Südostasiens“ bezeichnet wurde – vom Terror dem es Jahrzehnte ausgesetzt war.

Kambodscha wird vor allem von jenen Backpackern (Rucksacktouristen) bereist denen Thailand zu wenig Abenteuer verspricht. Ich hatte bewusst vor, mich diesen Urlaub ein wenig an Traveller zu heften, ich erhoffte mir davon viele Geschichten von anderen Reisenden und Austausch von Information. Ich muss sagen, ich war bisher ein wenig enttäuscht – die Leute die ich bisher kennen gelernt habe schienen nicht wirklich viel über die Länder zu wissen in denen sie waren. Sie können die zwar genau sagen wie Du für nur $ 8,5 von Sihanoukville nach Saigon kommst, aber wenn man sie fragt wann Bayon (einer der schönsten Tempel überhaupt) erbaut wurde, verschätzen sie sich um 2000 Jahre. Außerdem leiden sie an permanentem Reisefieber, sobald sie wo ankommen wollen sie sofort woanders hin. Die Reisepläne ändern sich jede Stunde, und ich hatte das Gefühl es ging überhaupt nur noch darum so viel wie möglich abzuhacken. Ich persönlich bleibe lieber ab und zu stehen und schau mich um, sonst habe ich ja gar keine Erinnerungen die ich mit nach Hause nehmen kann. Die Backpacker hatten aber auch etwas Gutes das auf mich abgefärbt hat – man merkt wie spartanisch man leben muss wenn man neun Monate unterwegs ist, es geht um jeden Dollar. Mittlerweile übernachte ich auch mal in $ 3 Unterbringungen, und es das Verzichten auf Luxus stört mich überhaupt nicht!

Heute Abend hatte ich vor, mal auszugehen. Ich war seit ich in Bangkok angekommen bin erst einmal fort, und das war ein „Pflichtbesuch“ im Bed Supperclub. Hier in Phnom Penh wollte ich unbedingt das „Heart of Darkness“ sehen, jedoch hat es aus einem denkwürdigen Grund geschlossen. Ein westlicher Besucher wurde vor kurzem erschossen weil er einem Mädchen auf die Füße gestiegen ist (was passt er auch nicht besser auf, der Tollpatsch!). Die „Entwaffnung der Bürger“ wird vermutlich noch länger dauern, das sind die üblichen Nachkriegsprobleme, bei unseren Nachbarn am Balkan ist das nicht anders. Apropos Nachkriegszeit: ich verstehe nun warum Lady Di sich so für den Kampf gegen Minen eingesetzt hat, wenn man sieht wie viele Menschen hier durch die Minenfelder gezeichnet sind, wird einem anders. Außerdem ist es eine extrem heimtückische, feige Waffe – sie verursacht auch psychologischen Schaden der noch hunderte Jahre später wirkt, da man nie weiß wo noch welche liegen könnten. Ein Besuch im Minenmuseum (eintritt frei!) ist zwar sehr interessant, aber danach ist die Stimmung nicht unbedingt die Beste. Der Betreiber hat selber als Kind für die roten Khmer gekämpft, und kann einem Geschichten erzählen, die hier den Rahmen sprengen würden. Es hat mich jedenfalls daran erinnert, was für eine Bestie im Mensch steckt. Der Besuch im „S-21“ – das Pendant zum Irakischen Abu Graib Gefängnis – wo die Regimegegner gefoltert und ermordet wurden, gab mir dann endgültig den Rest.

So, ich werde euch dann berichten ob ich in meine erste Nacht in Phnom Penh überlebt habe – oder auch nicht ;)

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