Siem Reap von seinen schönen und grausamen Seiten
Schöne Grüße aus Kambodscha, dem Land in dem 3 Währungen als Zahlungsmittel gängig sind!
Touristen haben es hier nicht leicht wenn es ums Zahlen geht. Dollar, Riehl oder Bhat – alles wird akzeptiert. Was man jedoch als Wechselgeld zurückbekommt, bleibt eine Überraschung. Bankomatkarten kann man ruhig zu Hause lassen, denn anders als in Bangkok – wo es an jeder Ecke einen ATM gibt – kann man hier von Glück reden wenn man mit einer Kreditkarte zahlen darf. Mit selbiger an einem Automaten Geld abzuheben dürfte sogar ein abenteuerliches Unterfangen werden.
Apropos Abenteuer: ich wollte ursprünglich auf dem Landweg von Thailand nach Kambodscha fahren, hatte dann aber Bedenken. Erstens wegen der Malariagefahr im westlichen Kambodscha. Die Moskitos dort tragen ein ziemlich böses Virus in sich. Denn als die roten Khmer in Kambodscha wüteten, wurde mit den Flüchtlingen an der Grenze Thailands so viel mit Medikamenten herumgetestet, das Malariaprophylaxen dort jetzt wirkungslos sind. Zweitens wurden mir Horrorgeschichten über die Strassen erzählt.: bewaffnete Überfälle sind zwar mittlerweile sehr unwahrscheinlich, aber die Strassen selber sind in einem erbärmlichen Zustand. Das umdisponieren auf den Luftweg kostet mich daher statt ursprünglich € 10, € 100. Wie ich jedoch später erfahren durfte, habe ich mir dadurch einen ganzen Tag gespart. Traveller haben mir erzählt, das 3 Brücken auf dem Landweg eingebrochen sind, und sie teils etliche Kilometer zu Fuß gehen mussten – bei Nacht, durch den Dschungel – welcher noch immer voller Minen ist! Als Beweis zeigten sie mir Photos und Videoaufnahmen die ziemlich dramatisch aussahen, mit in den Fluss gestürzten Bussen und Klettereinheiten an Brückenresten. Verdammt, ich hätte doch mit dem Bus fahren sollen!
Obwohl mein Flug auch gewisses Abenteuerpotenzial hatte. Als ich als letzter im Flugzeug meinen Sitzplatz suche, mache ich eine grässliche Entdeckung, sozusagen der Albtraum eines jeden Flugreisenden. Meine Nachbarin ist der Fleischgewordene Albtraum eines „Madeleine Albright / trächtige Wallrosskuh“ Klon! Wie man sie ins Flugzeug mit nur einem Ticket gelassen hat ist mir unbegreiflich, ihre Arme sind dicker als die eine Profiringers, nur mit anderer Konsistenz. Ich setze mich hin und meine Befürchtung bestätigt sich, sie nimmt nicht nur ihren, sondern auch meinen Platz ein. Sie ist – man hat es eh schon vermutet – Amerikanerin und aus einer Pauschalreisegruppe. Siem Reap wird leider schon lange nicht mehr nur von Individualreisenden besucht!
Bei der Ankunft in Kambodschas beliebtesten Reiseziel – genauer gesagt dreht es sich um Angkor Wat, welches ein paar Kilometer von Siem Reap entfernt ist – kommt mir nichts zu Gesicht mit dem ich nicht gerechnet hätte. Minenopfer und Bettler prägen das Stadtbild, unzählige Kinder laufen schreiend auf einen zu und wollen einem (leider sinnlose) Dinge verkaufen. Die Strassen sind trotz der vielen Devisenbringenden Touristen eine Katastrophe, mehr Staub und Abgase als in jeder anderen Stadt die ich bisher sah, und das obwohl Siem Reap gerade mal um die 100.000 Einwohner hat. Zum Glück gibt es aber auch schöne Seiten, so hat die Architektur vom französischen Protektorat sehr profitiert, der Kolonialstil mit seinen zweistöckigen Gebäuden und Balkonen hat einen Charme der mir besonders gut gefällt. Bars mit großen Korbsesseln, Palmen und seitlich offenen Stockwerken, vom zweiten Stock aus kann man das bunte Treiben auf der Strasse beobachten.
Die Khmer (Bevölkerung Kambodschas) sind ein ganz eigenes Volk: ihre Haut ist etwas dunkler als die von Thais oder Vietnamesen, ihre Gesichtszüge sind auch anders. Vor allem die Kinder fallen einem auf, sie haben ein Grinsen von einem Ohr bis zum anderen, und das obwohl sie nicht viel zu lachen haben. Kinderarbeit ist allgegenwärtig, abgesehen von den unzähligen bettelnden Kindern arbeiten sie auch an Touristenständen, als Wasserverkäufer und unzähliger anderer Dinge. Heute ist es mir beim essen passiert das ein kleines Mädchen – sicher nicht älter als neun Jahre – ganz selbstbewusst die Bestellung aufgenommen hat! Vor allem mit den Kindern empfindet man viel Mitleid. Leider kann man nicht wirklich etwas tun, wenn man einem Kind Geld gibt kommen zehn andere, es ist wie das Haupt der Hydra wo bei jedem abgeschlagenen Kopf zwei nachwachsen! Betteln kann jedenfalls auf Dauer keine Lösung sein, und das weiß man auch (die Schulbildung wird zum Glück immer besser). Heute sah ich zum Beispiel einen Mann – eines von unzähligen Minenopfern, in diesem Fall fehlten jedoch gleich mehrere Gliedmassen – auf einer Mischung aus Rollstuhl und fahrendem Verkaufstand. Er bot Bücher an und hatte ein Schild auf seinem Vehikel das in etwa besagte: „Ich will nicht betteln, sondern arbeiten!“. Ich habe ihm einen Reiseführer über Vietnam abgekauft und noch ein gutes Trinkgeld addiert – jemand mit so viel Kampfgeist muss belohnt werden!
Ich will meine Schilderungen jedoch nicht mit solch negativen Eindrücken beenden, daher noch ein paar andere Details. Mit den Backpackern die ich im Hotel kennen gelernt habe bin ich am ersten Abend ins „Dead Fish“ Restaurant gegangen, welches in meinem Reiseführer empfohlen wurde. Auf dem Weg ins Lokal brach in der gesamten Stadt die Stromversorgung zusammen. Plötzlich war es auch mitten im Zentrum völlig dunkel! Das einzige Licht kam von den Mopeds und wenigen Autos. Nach und nach wurden in der ganzen Stadt zehntausende Kerzen angezündet, alles wurde langsam wieder ein wenig beleuchtet. Die Verkaufsstände, Restaurants, Bars, Wohnungen – überall standen Kerzen. Niemand schien das zu stören, auch uns störte es nicht – außer das es ohne Ventilatoren so heiß war, das jedem der Schweiß in Strömen runterlief. Laut Reiseführer wäre das „Dead Fish“ Restaurant wie eine „abbruchreife Scheune mit verwirrender Architektur“, und die Beschreibung traf in der Tat zu! Wir saßen alle Barfuss auf Strohmatten um einen Tisch herum, welcher wiederum auf einer erhöhten Ebene war. Die Kellnerin tat mir leid, sie musste immer zu uns raufklettern! Khmer Essen ist soweit ich das beurteilen kann ziemlich gut, vor allem hier gibt es viele Fische die fast alle vom Ton Le Sap kommen, Südostasiens größtem See. Nach dem Essen fütterten wir die Haustiere des Restaurants, wobei es sich um Krokodile handelt. Mindestens 50 kleinere und ein ziemlich großes waren in einem Becken gleich neben unserem Tisch und warteten darauf, das Gäste einen Dollar zahlen würden um sie mit eigenen Händen zu füttern. Beim Essen löste ich zuvor noch Panik am Tisch aus, als ich aufsprang weil irgendetwas über mein Bein geklettert ist, alle glaubten sofort das ein Krokodil es aus dem Becken geschafft hätte (was aber aufgrund der Höhe der Wände unwahrscheinlich ist)! Ich weiß bis heute nicht was es war aber es hat sich eher pelzig angefühlt – wobei ich auch nicht glaube das es eine Ratte war. Anyway, die Krokodilfütterung war sehr unterhaltsam, die Viecher wurden völlig wild und sprangen manchmal auch recht hoch was unter den Zaungästen teils ein wenig Panik verursachte, ich sah meine Hand schon in einem Krokodilmagen dahinrotten! Danach ging es noch auf einen Drink in die „Bar Street“, es wurde nicht kühler und die vielen Kerzen verbesserten die Situation nicht unbedingt. Wenn in der ganzen Stadt kein Strom ist, müssen die Leute zusammenhalten. Für musikalische Unterhaltung sorgte eine Gruppe von (leider wieder, muss man sagen) Minenopfern die auf einer Strohmatte saßen und Khmer Musik spielten. Die Musik kann ich nicht beschreiben, aber es waren Saiten und Trommelinstrumente dabei, die Musik eher langsam, beinahe mit klassischer Musik vergleichbar. Leute kamen auf Fahrrädern an und sorgten für Eis Nachschub, denn auf gekühlte Getränke will man selbst bei einem Stromausfall nicht verzichten, nicht bei der Hitze. Trotzdem war für uns der erste Tag beendet, am nächsten Tag sollten wir alle Angkor Wat bei Sonnenaufgang sehen, und der ist um 5:00 Früh – bei einer Anfahrt von einer Stunde hatten wir alle nur 4 Stunden Schlaf zur Verfügung…