Visit the Shenzen "Food" Market - if you dare...

25.03.2005 – Best Western Hotel, Guangzho – ich liege im Bett und zappe durch die Kanäle…

Die chinesischen Werbeblöcke im Fernsehen sind nicht gerade das was man als Abwechslungsreich bezeichnen kann. Immer dieselben Spots in denen hauptsächlich für Shampoo geworben wird. Und wenn man nicht wunderschönes langes schwarzes Haar zu Gesicht bekommt, ist es eben wunderschöne Haut, wunderschöne Zähne und so weiter. Die Darsteller in den Spots sind mittlerweile meine einzigen Freunde hier. Wo sie diese Menschen für die Werbung finden ist mir ein Rätsel, ich habe hier noch keinen Menschen gesehen, der auch nur annähernd so aussieht wie die makellos schönen Schauspieler im Fernesehen. Völlig lethargisch liege ich nach den ziemlich anstrengenden Messe oder Fabrikbesuchen im Bett des Hotels, und zappe lustlos durch die unzähligen Kanäle die fast alle chinesisch sind. Wenn das süße Mädchen aus der Colgate Werbung so kindisch kichert, weil der Schönling mit dem strahlenden Lächeln zu ihr in den Lift steigt, freue ich mich schon mit für sie, und komme mir dabei etwas debil vor. Ich verliere langsam den Verstand, glaube ich…
Klar, ich könnte auch etwas Anderes machen als am Abend früh zu Bett zu gehen, es gibt hier Nachtclubs die die unsrigen wie Dorfkneipen in Provinzkaffs aussehen lassen. Die werde ich jedoch meiden müssen, ich bin ja leider nicht zum Spaß hier. Denn wer einmal die Dimensionen von chinesischen Messezentren gesehen hat, wird verstehen dass ich keine Lust habe dort nach wenig Schlaf mit erheblichen Restalkohol rumzulatschen. Den Rest der Zeit hier gebrauche ich für Aufgaben, die in Europa keine 2 Minuten kosten würden. Zum Beispiel die Verlängerung meines Hotelaufenthaltes. Das hat 4 Tage gedauert, und mindestens 20 Personen waren darin involviert. Verteilt in ganz Asien und Europa haben Leute Dinge tun müssen, nur damit ich 2 verdammte Tage länger in diesem Hotel bleiben kann. Geklappt hat es dann trotzdem nicht – es ist faszinierend wie viel schief gehen kann wenn Menschen ein Hotel leiten die nicht nur stur sind, sondern auch kein englisch sprechen wollen.
Daher kann man echt von Glück reden wenn man auf jemanden trifft der auf Zack ist. Dieses Glück hatte ich als ich in Shenzen am Bahnhof ankam und dort einen Übersetzer anheuerte. Dabei hat der Trip ziemlich entmutigend angefangen. Auf der Suche nach einem Taxi wäre ich um Haaresbreite überfahren worden. In Europa heißt der Zebrastreifen nicht umsonst auch Schutzweg. In China bedeutet das lediglich, dass man eine etwas größere Chance hat lebendig die andere Seite der Strasse zu erreichen. In China kann durchaus mal eine Leiche auf der Strasse herumliegen – das würde unter der Bevölkerung nicht sonderlich auffallen – das mich aber beinahe dasselbe Schicksal ereilen würde kam dann etwas überraschend. Mit europäischen Vertrauen in den geregelten Straßenverkehr wollte ich die Strasse überqueren, als ich plötzlich quietschende Reifen hörte und ein chinesischer Kleintransporter vor meiner Nase zum Stillstand kam. Der Fahrer sah mich an, und ich wusste sofort das er anstatt zu bremsen am liebsten Vollgas gegeben hätte. Ich bin bis heute davon überzeugt das der einzige Grund warum er stehen blieb darin lag, das eine Kollision mit mir nicht unerheblichen Schaden an seinem chinesischen Fabrikat verursachte hätte. Als ich eine Stunde später am Bahnhof ankam, wo mir der Schreck noch immer in den Gliedern steckte, kam auch keine bessere Stimmung auf. Die Bahnhofhalle sah aus wie eine Albtraumszene aus dem Film „Brazil“, und dubiose Gestalten nahmen mein Gepäck ins Visier. Ich wagte nicht das Angebot eines der Essenstände in Anspruch zu nehmen…
Doch die Ankunft in Shenzen ist ok, da ich auf Anhieb bereits erwähnten Übersetzter finde der sein Geld wert ist. John, er hat wie fast alle Asiaten auch einen englischen Namen (den man sich selber aussuchen kann), lebt seit 14 Jahren in der Metropole. Er wird nicht müde mir detailliert zu erklären wie die Stadt aussah als er ankam, und das all das was ich sehe, damals nicht hier war. Da die Messe eher enttäuschend ist, sind wir schon etwas früher fertig als geplant, und haben noch Zeit uns die Stadt anzuschauen. Er sagt, er hätte schon ein gutes Programm für mich, als wir im Taxi einen dicken Highway entlangfahren der sich durch die Stadt zwischen Hochhäusern schlängelt. Dann sagt er zu mir mit dem Finger aus dem Auto deutend: „Look! Great China Wall – over there“. Die chinesische Mauer? Sollte die nicht 2000 Kilometer nördlich die Mongolen abwehren?
Wir steigen aus dem Taxi, und ich beginne stark an meinem doch soliden Geographiewissen zu zweifeln. Wir spazieren einen großen Platz entlang, und als ich die Menschenschlangen an mehreren Kassen sehe, dämmert mir das mich John zu einem Theme Park gebracht hat. Als ich dann eine Nachbildung des Eifelturmes erblicke, nicht unbedingt so viel kleiner als das Original, bilden sich dicke Kabel an meinem Hals. Man will mich ins chinesische Pendant von Disneyland bringen! Ich baue mich vor meinem Übersetzer auf, und sage zu ihm mit bebender Stimme: „John! Ich bin Europäer! Wir geben uns prinzipiell nicht mit Imitaten ab! Na ja, abgesehen von Gucci Handtaschen und DVD´s, aber sonst wollen wir keine Kopien vorgesetzt bekommen. Also bitte können wir jetzt ins Taxi steigen und dorthin fahren wo sich das echte China abspielt?“
John sagt mir, dass der Theme Park sonst allen seinen Kunden gefällt. Skeptisch frage ich welcher Nationalität diese Leute sind, denen so was gefällt. Bevor er das Wort „Amerika“ zu Ende sprechen kann, renne ich wild gestikulierend auf die Strasse um ein Taxi aufzuhalten…
Im Taxi erkläre ich, ich will sehen wie die Einheimischen so leben, und das es mir egal ist was ich dazu tun muss. Mir ist es egal ob es dort dreckig ist, gefährlich, oder ob ich dazu gekochten Hund essen muss. „Sorry, no Dog. Only in Winter!“ Mein Ärger weicht Neugier, und ich frage ihn ob er denn auch Hund isst. Na klar, aber nur wenn es kalt ist. Wenn man Hundefleisch isst, wird einem nämlich so heiß, daher steht Hund im Sommer eher nicht auf dem Speiseplan, außer man hat einen überfahren – was in seiner Heimatstadt oft passiert. Ich frage ihn wo man Hund kaufen kann, und er meint am Food Market natürlich. Ich sage ihm, dass ich genau dorthin will.
Als wir ankommen, dämmert mir das ich das bereuen könnte. Mitten in der Stadt, in einem mehrstöckigen Gebäudekomplex, ist der Food Market angesiedelt, und bietet so ziemlich alle Abscheulichkeiten die die chinesische Küche braucht. Und das ist um einiges mehr als ein Mitteleuropäer gewohnt ist, um nicht zu sagen: ertragen kann. Schon nach den ersten paar Metern versuche ich flach zu atmen, weil die Geruchslandschaft überwältigend ist, und ich Angst habe schädliche Bakterien einzuatmen, denn als erstes gehen wir durch die Geflügelabteilung (später erfahre ich das die Vogelgrippe zur Zeit nur in Vietnam ein Problem ist, obwohl ich im Fernsehen Spots über die Maßnahmen gegen das Virus gesehen habe). Der Lärm ist unerträglich, da das Essen hier noch lebt wenn man es kauft. Wie viele Sorten an Vogelarten und gefiedertem Tier ich dort sah kann ich schwer sagen, nur das auch viel Exotisches dabei war. Die meisten Tiere sind in übereinander gestapelten Käfigen, etliche von ihnen aber nur mit einem Band an einem der Käfige festgebunden. Keines versucht davonzufliegen, ich vermute das man ihnen mit einem kurzen Handgriff die Flügel gebrochen hat. Dann kommt der Fischmarkt. Ein Mann mit einem grossen Messer hackt im 3 Sekunden Takt die Köpfe von riesigen Fischen, schmeißt den Großteil des Körpers in eine Kiste und stellt dann den Kopf mit der abgehackten Stelle nach unten auf einen Tisch. Dieser ist voll mit großen Fischköpfen die noch immer versuchen zu „atmen“ obwohl sie keinen Körper mehr haben. Spätestens da wird mir etwas seltsam zumute. John sagt mir, dass der Kopf des Fisches eine Delikatesse ist, und mehr als der Rest kostet. Wir gehen weiter durch den Markt, ich mache hier und da Photos. Die Blitze machen leider auf mich aufmerksam, Leute kommen her und wollen die Kamera oder sogar meine blonden Haare angreifen. Es gibt zwar genug Leute in China die sich so eine Kamera leisten können, aber die laufen normalerweise nicht am Markt herum. Kaukasische Marktbesucher sind vermutlich sehr selten. Mir wird das alles zu viel, um mich herum tummeln sich immer mehr Menschen und John hilft mir bei der Flucht ins obere Stockwerk. Die nächste Abteilung ist dann endgültig nicht mehr auszuhalten. Hasen in Käfigen sind ja an sich noch halbwegs normal (solange es in einer Tierhandlung wäre), aber als ich einen Berg von Käfigen mit halblebendigen Katzen sehe, gebe ich mir beste Mühe den Anblick nicht an meine Emotionen ranzulassen. Ich mache ein Photo, und ein grinsender Mann schlägt mit einem Stock auf einen der Käfige. Eine Katze dreht sich erschöpft zu mir und miaut leidend. Auch andere Kuscheltiere, vom Meerschwein über Chinchilla bis zu mir völlig unbekannten Pelzträgern habe ich alles gesehen. Das Geschrei der Tiere und folglicherweise der Menschen die sich gegenseitig nicht mehr verstehen ist nervenzermürbend. Selbst die Gemüseabteilung auf dem nächsten Stock war keine Erholung, der Geruch war mindestens genauso abstoßend wie bei den halbtoten Tieren. Ich sah riesige Gewächse die wie Geschlechtsteile von Außerirdischen aussahen, die Händler hielten mir undefinierbare Dinge entgegen und lachten dabei diabolisch. Überhaupt weiß ich bis heute nicht ob das eine Gemüseabteilung war! Die Hundeabteilung haben wir nur kurz gesehen, sie war zum Glück aufgrund der warmen Jahreszeit geschlossen. Ich sage John, das ich genug gesehen habe und wir verlassen den Foodmarket, zu meiner unendlichen Erleichterung. Wieder auf der Strasse angekommen hole ich erst einmal tief Luft, und teile John dann mit, das jegliches Essen für den Rest des Tages gestrichen sei…

  1. Hallo Philipp,

    Sehr gelungener Artikel, wenngleich sich (ich unterstelle Dir aber nicht, dass Du das bewusst vor hattest) bei mir bei der Beschreibung des Food Market doch sehr starke Hassgefühle auf diese “Tierquäler” einstellen.
    Deine neue Homepage sieht übrigens recht gelungen aus, man findet sich schnell zurecht. Einen optischen Mangel muss ich aber anmerken: Die Weltkarte im Hintergrund und sie Navigationsleiste davor passen nicht wirklich gut zusammen. Ansonsten aber alles Top! lg Günther


    — Günther    Sep 5, 19:55   
    #
  2. Einen Vorschlag hätte ich noch: in der Gallery würde man mehr von den Photos haben, wenn Bildunterschriften vorhanden wären.

    lg

    Günther


    — Günther    Sep 5, 19:58    #
  3. Hi Günther! Habe gehört das Du wieder in Wien warst, schade das wir uns verpasst haben! Und Danke fürs Feedback, werde mit der Zeit natürlich auch Änderungen machen – da ist Info von Lesern sehr hilfreich!


    Philipp Holzbauer    Sep 6, 13:26    #
  4. Hallo, habe interessiert den Bericht gelesen und möchte gern wisen, wo genau der Food Market ist, wie man da hinkommt. Gibt es noch andere Tips?, die Themenparks interessieren uns nicht
    Gruß aus Fürth


    — Marianne und Fritz    Nov 25, 15:10    #
  5. Hallo! Tja, in Shenzen war ich gerade mal eine Tag, Ich weiß nur das der Foodmarket in der Nähe der Altstadt ist – die Altstadt darf man sich jetzt nicht wie eine europäische vorstellen, aber sie ist sehr sehenswert, vermutlich einer der wenigen Orte wo man noch viele Leute mit Mao Anzug sieht. Dort in der Nähe ist jedenfalls der Food Market, wenn man einen Übersetzer findet sollte es kein Problem sein, ohne könnte es schwer werden!


    — Philipp Holzbauer    Dez 4, 20:25    #
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