Welcome to China. And regret you ever got there...
Vollkommenes Chaos um mich herum hier in China, und alles wegen einem deutschen der zu Lebzeiten eine verblüffende Ähnlichkeit mit Saddam Hussein bei seiner Festnahme hatte. Karl Marx – ich frage Dich: bist Du zufrieden mit Deinem Werk und seinen Ausmaßen? Ich bin hier umgeben von seelenlosen Zombies! Auch wenn der Kommunismus mittlerweile in nitrogetriebenen Ultra Kapitalismus mutiert ist, die Menschen hier in Guangzhou (Kanton – so nennt das in Asien aber niemand) lachen trotzdem nicht. Überbleibsel aus der Zeit der Unruhen am Platz des himmlischen Friedens? Die meissten Menschen denen ich hier begegne, sind aus einer anderen als der schlimmsten Zeit des Kommunismus, als Menschen wie Vieh in die Gulags geschickt wurden. Trotzdem: es ist vermutlich gar nicht so lange Zeit her, als man sich durch Lachen verdächtig machte.
Ich versuche dem zu trotzen: Der junge Chinesin am Schalter des Hotels zeige ich ein breites Lächeln das vermutlich dem von Jack Nicholson in „Shining“ gleicht, kurz nachdem er mit der Axt die Tür einschlägt hinter der sich Frau und Kind verstecken.
Ich glaube sie hat Angst. Entweder Angst vor mir, oder Angst das Lächeln zu erwidern. Ich bin nicht gut gelaunt. Ich stehe am Schalter um mich darüber zu beschweren, das das Hotel in dem ich wohne nach wie vor 24 Stunden am Tag renoviert wird. Ich nehme ein Blatt Papier in die Hand, auf dem in chinesischen Schriftzeichen die Lüge verbreitet wird, das Hotel würde „nur“ von 8:30 Morgens, bis 8:30 Abends renoviert. Reine Westentaschenpropaganda. Dahingekrizeltes Lügenwerk. Die Arbeiter haben bis 3:00 Früh gehämmert, dann eine Stunde pausiert um dann wieder sämtliche Gäste aus dem gerade errungenen Schlaf zu reißen. Wer mich kennt, weiß dass ich ungern geweckt werde. Ich beuge mich langsam über den Schalter und sage ganz, ganze leise zu ihr, das ich ein anderes Zimmer haben will, mein Geld zurück oder ein First Class Ticket nach Disneyland. Als ich den Satz zu Ende spreche, berührt meine Nase fast ihre Nase. Wenn sie Europäerin wäre, hätten sich unsere Nasen schon berührt. Da sie aber Chinesin ist, berühren sich unsere Nasen nicht, aber vor allem versteht sie kein Wort von dem was ich sage. Ich mache bewusst kein großes Theater – sich in aller Öffentlichkeit aufzuregen würde bedeuten sein Gesicht zu verlieren. Und das habe ich auch nicht vor. Nein, ich werde dieses Problem ohne großen Aufruhr lösen, dann sind die Chancen größer, maximalen Profit aus der Situation zu schlagen.
Man bittet mich auf den Manager zu warten. Ich sage dass ich das tun werde, setze mich hin und versuche trotz meinem Schlafdefizit meine Tagesagenden zu planen. Als der Manager kommt springe ich auf und zerquetsche ihm zur Begrüßung die Hand, nur so viel das er NICHT vor Schmerz schreit. Jetzt weiß er dass ich nicht scherze, sondern fest dazu entschlossen bin, seinen sozialistisch asozialen Renovierungsplänen Einhalt zu gebieten. Nach ein paar Sätzen wird die Chinesin hinter dem Schalter dazu angewiesen, meinen Umzug in das letzte Stockwerk vorzubereiten. Ich werde nur noch um eine Unterschrift gebeten. Ich unterschreibe mit „Patrick Bateman“ während ich die Dame am Schalter angrinse und ihr meine tiefste Dankbarkeit für ihre Kooperation versichere – sie lächelt mittlerweile auch beinahe, denn nun weiß sie dass ich bald weg bin.
Mein zweiter Umzug in zwei Tagen. Nun komme in die Zweitbeste Kategorie des Hotels ohne Aufpreis, man könnte sagen ich bin von einer Schuhschachtel in ein Fußballstadion übersiedelt. Jetzt bin ich im dreißigsten Stockwerk und kann mir die gesamte Stadt in ihrer unbeschreiblichen Hässlichkeit anschauen. Die Fenster kann man auch hier nicht öffnen, vermutlich um die Suizidrate niedriger zu halten, weil man sich bei dem Anblick am liebsten aus dem Fenster stürzen würde. Welcome to China.
Ich trage hier prinzipiell nur Anzug und blankpolierte Schuhe, ich habe das Gefühl das man hier so schneller bekommt was man will. Der Nachteil ist, dass die Leute auf der Strasse auch viel von einem wollen. Von Bettlern denen sämtliche Instrumente der Sinneswahrnehmung fehlen (Augen, Nasen, Arme), bis hin zu motorisierten Räubern die darauf warten das man seinen IPod aus der Tasche nimmt um den Track zu ändern (das auf diese Gefahr auch im Hotel hingewiesen wird, gehört in diesem Fall nicht in die Kategorie Propaganda). Von Prostituierten ganz zu schweigen die sich frech zu einem an den Tisch setzen wenn man den Fehler macht in einem Open Air Lokal essen zu wollen, und die bedauerlicherweise zu den wenigen gehören die englisch sprechen. „Massage, Sex?“. Ich würdige sie keines Blickes und knurre durch meine zugebissenen Zähne: „…nicht einmal wenn DU mir € 1000 anbietest…“
Meine Laune hat einen Tiefpunkt erreicht. Der Club Sandwich den ich bestelle enthält meiner Meinung nach Fleischsorten die in Europa eher unter die Kategorie Haustier fallen. Dann komme ich drauf, dass ich kein Bargeld habe. Nach dem Gebetsmühlenartigen repetieren der immer selben Frage nach einem ATM (Bankomat) komme ich nach 2 Stunden zu einem der speziell für Ausländer programmiert ist. Nachdem ich sieben mal den Code eintippe und nur Fehlermeldungen bekomme, bin ich eigentlich glücklich, aber auch erschüttert darüber das die Karte nicht schon längst eingezogen wurde, wie es in Europa nach dem dritten Versuch der Fall ist. Dann, als ich schon aufgeben will, bemerke ich ein kleines aber nicht unwesentliches Detail. Die Zahlen haben eine völlig andere Anordnung als bei uns! Und ich bin nicht die Sorte Mensch der sich die Zahlen an sich, sondern das Muster des Eintippens merkt. Also umdenken – welche Zahl wäre beim Bankomaten am Stephansplatz auf welcher Stelle. Nach dem zweiten Anlauf gelingt es mir, ich tippe irgendeinen Geldbetrag ein, und ein Berg von Monopolygeld quillt aus dem Automaten.
Ein Abenteuer für sich waren die Versuche eine Verbindung zum Internet herzustellen. Jener im „Business Center“ meines Hotels wäre, wenn man ihn gefilmt hätte, ein Leckerbissen für „Achtung Kamera“ gewesen, das Personal wusste glaube ich nicht so recht warum sie dort stehen mussten, noch weniger was sie zu tun haben wenn jemand reinkommt. Der Versuch im „Starbucks“, wo mein Computer das stärkste WLAN Signal aller Zeiten hatte, und die gesamte Belegschaft eisern bestritt das es so etwas bei ihnen geben würde und sie mir daher keine Zugangdaten geben könnten, war auch noch amüsant. Aber wirkliches Entertainment war (zumindest für nicht Betroffene) der Versuch in einem Lokal ans WLAN anzudocken, vor dem ein mannshohes Schild für den superschnellen Internetzugang geworben hat. Nachdem ich unmissverständlich auf den Computer unter meinem Arm deutete, und erklärte ich wolle Gebrauch vom Hochgepriesenen Technologieangebot machen, führte man mich zu einem Tisch. Zuerst dachte ich: „Ah – die haben schon Erfahrung und wissen das hier das stärkste Signal ist! Endlich Profis!“ doch dann sah ich die Tischanweiserin auf eine Steckdose deuten was mich etwas skeptisch machte. Mein Computer konnte auch hier ein starkes Signal empfangen, aber dazu bräuchte ich die Zugangsdaten. Anstatt mir diese zu geben, wollte man mich dann an einen Platz neben einem Sicherungskasten setzen, dann neben eine Feueralarmglocke, dann zum Notausgang, dann in die Nähe der Toiletten, und als man mich neben den Feuerlöscher platzieren wollte, dämmerte mir immer mehr das die keine Ahnung hatten warum diese Schild vor der Tür stand. Ich beschloss nicht zu gehen bis sie mir erklärten warum hier für Internet Anschluss geworben wurde. Nach etwa dreißig Minuten vergeblichen Deutens auf das Schild vor der Tür, hatte ich mit Hilfe von Zahnstochern kleine Männchen aus Salz und Pfefferstreuern gemacht, und versucht mit Hilfe von auf dem Tisch verstreutem Zucker den Wirkungsradius des eindeutig vorhandenen WLAN Signals zu erklären. Dann führte ich meinem erstaunten Publikum ein kleines Theaterspiel vor und Unglaublicherweise führte das dazu das der IT Fachmann des Hauses kam und mir persönlich erklärte das das WLAN sehr wohl aktiv ist, aber erst am nächsten morgen um 8:00 verwendet werden darf.
Ob sich König Pyrrhus nach seiner verlustreichen Schlacht bei Asculum ähnlich fühlte? Ich wusste nicht ob ich darüber erfreut sein sollte eine dreiviertel Stunde damit verbracht zu haben, zu erfahren das ich weitere 10 Stunden auf meinen Internetanschluss warten solle, und das dies dann funktionieren würde war mehr als zweifelhaft. Ich ging sehr müde zu meinem Hotel zurück, ich plante mir ein Bad einzulassen. Das Bad war nicht viel größer als die Kloschüssel daneben, und als es voll war, sah ich dass das Wasser gelb war. Und zwar richtig gelb! Und um meine Schilderungen mit einem schlechten Witz zu beenden: nun wusste ich wenigstens wie die Einwohner dieses Landes zu ihrer Hautfarbe kamen…
Ich bitte meine Leser übrigens schon mal ein wenig Geld für mich zu sammeln und eine chinesischen Anwalt zu suchen, ich schicke dieses Mail, das ja nicht gerade eine Liebeserklärung an China ist, heute über einen lokalen Server weg. Würde mich nicht wundern wenn es gelesen wird und zwei Stunden die Militärpolizei vor der Tür steht…
ein glück, dass du noch am leben bist… deine berichte sind echt fett!
— crash-dan Okt 12, 19:16 #
die Thailandberichte sind echt Klasse kann ich mich als Reisender gut rein versetzen,wenn man ein bisschen Land und Leute kennt
— ronny Mär 4, 21:37 #